Hundertwasser und Märchen im Tipi

Mit viel Bewegung und bunten Farben widerstand das Fest der Kulturen auf dem Plochinger Bruckenwasen am 6. Mai dem schlechten Wetter. Vor allem in den trockenen Zeiten konnte man hier viel erleben: an einem Seil frei schwebend über den Neckar fliegen, märchenhaften Fabelwesen begegnen oder beim türkischen Kreistanz mitmachen.

Plochingen, die Stadt im „Ländle“, die u. a. auch durch das Hundertwasser Haus keine unbekannte ist, zeigt damit, dass Fantasie sehr wohl auch etwas mit Bodenständigkeit zu tun hat. Hundertwasser beweist dies eindrücklich in seinem farbigen und märchenhaften Bauwerk:

fröhliche Farbigkeit, gerundete Formen, verspielte Balkone, die auf behäbigen Keramiksäulen ruhen. Bäume wachsen aus Erkern, auf den Dächern und vier goldene Kugeln zieren zuguterletzt die Spitzen dieses kreativen und ideenreichen Märchen-Hauses. Individuelle Phantasie, in der es sich praktisch wohnen lässt und vor allem die Natur haben einen hohen Stellenwert für den Künstler.

Märchenhaft und phantasievoll haben auch die Märchenerzählerin Rita Maria Fröhle und der Märchenerzähler Karlheinz Schudt die Kinder und Erwachsenen beim Plochinger Bruckenwasen-Fest in den Bann gezogen.

So erzählten sie in ihrem kleinen Märchentipi spannend und lebendig Märchen aus verschiedenen Kulturen und von den Brüdern Grimm, ohne dabei ein einziges Mal in ein Buch oder eine Vorlage zu schauen. Das war wohl auch mit ein Grund, warum die Kinder und Erwachsenen so gebannt und fasziniert an ihren Lippen und Augen hingen, denn die Zeit verging in diesem Märchentipi wie im Flug.

Sie bewiesen mit dem Inhalt ihrer frei erzählten Märchen und Geschichten, dass diese durchaus Kulturen verbinden können, da Märchen einfühlsam und bildhaft einen tiefen Einblick in die Weisheiten nahezu aller Völker der Menschheit ermöglichen.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

Frau Holle, die Brüder Grimm und frei erzählte Märchen

Wussten Sie übrigens, dass es sich beim Märchen „Frau Holle“ aus der Sammlung der Brüder Grimm um nur eines von vielen anderen Märchen bzw. Sagen handelt, in denen die Gestalt Frau Holle eine wichtige Rolle spielt? Sie wurde auf zahlreichen Bergen verehrt. Insbesondere aus der Region des Hohen Meißners in Nordhessen sind uns viele Sagen überliefert. So soll der Frau Holle Teich (siehe Bild) unendlich tief sein und der Eingang zu ihrer unterirdischen Anderwelt sein, die auch im Märchen der Brüder Grimm beschrieben wird.

Einmal ist Frau Holle für die Schneemenge im Winter verantwortlich, denn je kräftiger sie ihre Betten schüttelt, desto mehr schneit es auf der Erde. Ein andermal segnet Frau Holle die Pflanzen, Bäume, ja die gesamte Natur im Frühjahr, indem sie über Felder und Wiesen spaziert und so den Saft in die Pflanzen schießen lässt. Auch das Spinnen und Weben, sowie viele andere kulturelle Techniken soll Frau Holle den Menschen vermittelt haben. So wird der Holunder-Busch (Holler- oder Holderbusch) der Frau Holle geweiht und man hört schon beim Aussprechen, dass dessen Namen dem ihren nicht unähnlich ist. Womöglich stammt der Name des Busches sogar von dem der Frau Holle. Auch soll sie Kuchen, Blumen oder Obst verschenken sowie Frauen und Mädchen helfen, ein gutes Jahr zu verleben und gesund und fruchtbar zu sein.

Gerade die frei erzählten Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm sind noch immer bei den Kindern sehr beliebt und da gehört selbstverständlich das Märchen von der Frau Holle dazu. Aber die Brüder Grimm haben noch viele andere, wunderschöne Märchen gesammelt, die nicht nur Kindern, sondern Erwachsenen nahezu unbekannt sind. Selbst die bekanntesten Märchen werden nur fragmentarisch oder in einem ganz anderen Zusammenhang wiedergegeben, sobald man nach dem Inhalt fragt.

Am 20. Dezember 2012 jährt sich Band 1 der Erstausgabe „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm zum 200sten Mal. Seit 1812 begleiten die Märchen und Sagen der Brüder Grimm unzählige Menschen auf der ganzen Welt. Sie schenken Kindheitserinnerungen und vermitteln sogar Erwachsenen Lebensweisheiten, die bis heute noch ihre Gültigkeit haben.

Unser Tipp:

Nehmen Sie doch einfach einmal den 1. Band der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm in die Hand und lesen jeden Abend vor dem Einschlafen ein solches Märchen! Sie werden staunen, wie entspannend dies sein kann und welche Kostbarkeiten sich in diesen Märchen offenbaren können. Gerne können Sie auch einen unserer MärchenerzählerInnen für Ihre Einrichtung, Ihre Festivität, etc. einladen. So schön auch lesen ist, hören ist noch viel schöner und wenn diese Märchen auch noch frei und von Herzen erzählt werden, dann ist das unvergessliche Erlebnis komplett.

© Karlheinz Schudt, Märchenerzähler

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